Von Almut Andreae
Augensterne

Japanische Lyrik im Galerieatelier Gosha (04.09.08)

„Beim Lesen von Büchern muss man äußerst sorgfältig vorgehen. Warum? Weil die Buchstaben, sobald sie gelesen wurden, einen
Schwarm bilden und wegfliegen. Sie werden alle vom leeren Himmel aufgesogen und verschwinden für immer.“ Gedanken aus
der Feder von Makoto Takayanagi über die Bibliothek einer imaginären Stadt, deren wirklich-unwirkliche Facetten er in kurzen
Texten porträtiert. In seiner Heimat genießt der mehrfach mit Preisen geehrte Lyriker und Professor für Japanische Literatur
an der Tamagawa-Universität Tokyo großes Ansehen. In Potsdam war Makoto Takayanagi am Dienstagabend in dem
stimmungsreichen Ambiente des Galerieateliers von Gosha Nagashima-Soden und Grahame Soden bei einer Lesung aus seiner
soeben neu erschienenen Anthologie „Augensterne“ zu erleben.

Für viele der zahlreich erschienenen Gäste wird die in japanischer Sprache dargebotene Lesung eine gänzlich neue Erfahrung
gewesen sein. Beim Hören eines literarischen Textes, dem man – des Japanischen nicht mächtig – inhaltlich nicht im Geringsten
folgen kann, treten all jene Eigenschaften von Lyrik in den Vordergrund, die sich über das akustische Erleben mitteilen. Die
japanische Dichtung, die keine Reime bildet, verdankt ihren Charme sehr stark dem Rhythmus ihres Sprachflusses. Und so war
bei der Lesung von Makoto Takayanagi die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Zuhörer fast körperlich im Raum zu spüren.
Die inhaltliche Auflösung der geheimnisvoll klingenden Worte wurde kenntnisreich und mit großer Sensibilität für das Original
von der Übersetzerin Isolde Asai zu Gehör gebracht. Frau Asai, die 25 Jahre in Japan lebte, überträgt seit vielen Jahren die
Dichtung Makoto Takayanagis und anderer japanischer Schriftsteller in die deutsche Sprache.

Immer wieder war im Laufe der einstündigen Lesung angesichts der vorgetragenen Übersetzung für reichlich Überraschung
gesorgt. Denn wer rechnet damit, sich im Falle der von Takayanagi mit melodiöser Stimme vorgetragenen Dichtung „die
Schwestern der Familie Stein“ mit folgender Situation konfrontiert zu sehen: „wer transkribiert die traurige Affinität zur
Erzählung/ in die Harmonie der Schreibmaschine/Virginia? oder ist es Gertrude?/Alice beginnt, sich im Kreißsaal der
Negativabzüge/umzuziehen“. Wie überhaupt die Exkurse dichterischer Phantasie in das erotische (Selbst)erleben der Schwestern
in diesem Text einige andere exotische Blüten trieb. Getränkt vom schweren Duft anmutiger Lilien auf dem Lesepult
mäanderten die für europäische Ohren eher wie Prosa anmutenden Gedichte Makoto Takayanagis bedeutungsschwanger durch
den Raum. Die Poesie des 1950 in Nagoya geborenen Schriftstellers speist sich aus bizarren Bildern und einer stellenweise
Absurditäten liebkosenden dichterischen Imagination.

Wie der Takayanagi im Publikumsgespräch nach der Lesung erläuterte, sind die in der traditionellen japanischen Literatur fest
gezogenen Grenzen zwischen Lyrik und Prosa längst fließend geworden. Neben seinen fast an Kurzgeschichten erinnernden
längeren Gedichten verlasen der Dichter und seine Übersetzerin Verse, die annähernd die Kürze und Prägnanz eines Haikus
besitzen: „die Lippenbewegung des Stummen/Flamme/wiederholt sich langsam/und im Nu ist das Theater/vom Feuer umzingelt“.

Der als Ehrengast geladene Lyriker Günter Kunert blieb derweil aus gesundheitlichen Gründen der Veranstaltung fern. Dafür gab
es mit zwei ganz neuen Gedichten Makoto Takayanagis, von Isolde Asai bereits übersetzt, im Original aber noch unveröffentlicht,
zum Abschluss einen literarischen Überraschungs-Bonbon.

© Almut Andrea
Evening with

高柳 誠  
MAKOTO TAKAYANAGI
Poet

2. September 2008 at 7.00 pm

Das Wogen des Lichts
Analyse der Berührungsinns
Kritzelei

The reading will be in the original Japanese, followed by a translation into German
by Isolde Asai
Makoto Takayanagi, geboren 1950 in Nagoya, studierte Kulturwissenschaft an der
Dóshisha-Universität (Kyóto). Gegenwärtig ist er Professor für Japanische Literatur an der
Tamagawa-Universität (Tókyó). Makoto Takayanagi wurde mit allen namhaften Preisen im
Bereich der Lyrik ausgezeichnet. Eine Veranstaltung der Humboldt Univer- sität Berlin (1996)
bildete den Auftakt für Makoto Taka- yanagis künstlerische Aktivitäten (Vorträge und Lesun-
gen) in Deutschland (Berlin, Düsseldorf, Marburg, Würz- burg usw.). Für seinen internationalen
Ruf stehen die Übersetzungen seiner Werke ins Deutsche, Englische, Französische, Spanische,
Chinesische und Koreanische. Seit 2006 führt er zusammen mit anderen Dichtern jeden Monat
Lesungen in Tókyó durch.
Isolde Asai, geboren 1957 in Süddeutschland. Nach dem Studium an der Pädagogischen
Hochschule Freiburg, Übersiedlung (1981) nach Japan. Bis März 2008 Dozentin für Deutsche
Sprache an der Waseda Universität, Tokyo. Seit April 2008 wieder wohnhaft in Deutschland

Übersetzungen vom Japanischen ins Deutsche: Lyrik von Makoto Takayanagi Porträt einer Stadt
1988 und Bäumische Welt, Taro Naka Auswahl aus seinem lyrischen Werk, Kazuko Shiraishi Die
Jahreszeiten der heiligen Lust sowie Prosa u.a. von Yoshikichi Furui und Ko Machida.
Übersetzung der Theaterstücke Zeitgeist 99 von Ichiro Kishimoto und Die Tage mit Vater von
Hisashi Inoue. Erstellung deutscher Untertitel zu 40 japanischen Filmen, darunter für die
Berliner Filmfestspiele u.a. Samurai in der Dämmerung, Das geheime Schwert – Die
Teufelkralle, Unsere Mutter Kâbê. Fernsehauftritte im staatlichen japanischen Fernsehen (NHK).
Lyriklesungen in Japan und Deutschland.
A few precious moment with Professor, his daughter and Mrs Isolde Asai before the event...
Invitation Card
I took such a pleasure to design this invitation card...i drew willow tree,
for that is the meaning of Professors name....
...its time!
"Thank you words" from my son, Toshi.
Toshi finished Tamagawa University and received B.A. in Japanese literature and
poetry by Professor Makoto Takanayagi.
The last words of professor to me were, "Toshi was my treasure...".
Your words went strait in my heart... and from my heart, I thank you, for your
kindness, for your poetry, for being with us dear Professor...THANK YOU!
*opening photograph of Professor Makoto Takayanagi reproduced with his kind permission.
...enjoying Potsdam!
Toshi and our friend, film director, Peter Sempel.

Peter was coming from Hamburg, was little late, but on time to take last
photo, that he titled "GoshaAndFriends".
It was the very next day, that Peter filmed me while working for his new
movie, "Ameise Der Kunst"...in cinema soon!

Our friend, Gordon Karau from Potsdam "Riksha" is standing first from left
embracing Mrs Isolde Asai. Thank you Peter!
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